Neue Deutsche Presse

Goebbels Statisten

Theodor Michael. Lesung am 21.02.2013 in der Humboldt-Universität                     Foto: Hasim Anik

Von KZ-Inhaftierug und Zwangssterilisation bedroht, zu Arbeitslager gezwungen und für staatenlos erklärt, überlebt der Schwarze Deutsche Theodor Michael die NS-Zeit. Sein Glaube habe ihm in der schweren Zeit geholfen, den Mut nicht zu verlieren.

Von Leyla Dere

Es gibt kaum einen Aspekt der deutschen Geschichte, der so unbekannt ist, wie der der schwarzen Deutschen in der NS-Zeit. Theodor Michael wird 1925 in Berlin als Sohn des Kameruners Theophilius Wonja Michael und der Deutschen Martha Wegner geboren.

Theodor Michaels Mutter stirbt gleich nach seiner Geburt, mit neun Jahren verliert er auch seinen Vater. Seine älteren Geschwister wandern 1933 und 1935 nach Frankreich aus. Damit sie nicht wieder nach Deutschland ausgewiesen werden können, vernichten sie Ihren Fremdenpass – die Nazis entzogen allen Schwarzen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Theodor Michael darf nicht mit ihnen gehen: „Weil ich nach dem Gesetz nicht volljährig war und die Nazis der Meinung waren, dass meine Schwester Juliane mit ihren 21 Jahren zu jung war, um mich in Frankreich zu versorgen, darum wurde der Ausreiseantrag abgelehnt.“ Er lacht. Er lacht oft.

Die Mitschüler sagen von einem Tag auf den anderen zu ihm: „Ich darf nicht mehr mit dir spielen“. 1941 wurde ihm als schwarzen Kind der Schulbesuch verboten. Eine Lehre durfte er auch nicht machen. Die Völkerschauen und das Kino bleiben Schwarzen als einzige Quelle für den Broterwerb offen.

Kurzzeitig arbeitetet Theodor Michael im noblen Excelsior-Hotel Berlin – bis die Nazis das Hotel zwingen, ihn zu kündigen, weil er kein Mitglied der Hitler-Gewerkschaft ist und es als Schwarzer auch nicht werden kann.

An die Zeit in den Babelsberger UFA-Studios erinnert sich Theodor Michael deshalb gar nicht gerne. Die große Nachfrage der Nazis nach schwarzen Statisten war die Rettung für viele Afro-Deutsche. In den Filmen der UFA durften Schwarze aber nur Statistenrollen oder demütigende Nebenrollen übernehmen.

Ausserhalb der Filmstudios drohte Schwarzen das KZ oder die Zwangssterilisation. Die Filmstudios waren die einzigen sicheren Orte. Deshalb ließen sich viele auf erniedrigende Szenen ein auch auf Nacktszenen. Diejenigen, die sich weigerten, wurden nicht mehr gebucht und verloren ihre Lebensgrundlage.

Als alles, was ein Gewehr halten konnte, an die Front geschickt wurde, hatte Theodor Michael „Glück“: Er wurde wegen seiner Hautfarbe ausgemustert und musste zwei Jahre ins Arbeitslager. In Lichterfelde arbeitet er 70 Stunden die Woche in einer Munitionsfabrik bis ihn die Rote Armee befreit.

Schauspieler habe er eigentlich nie werden wollen. Dennoch geht er 1949 ans Theater. Diesmal spielt er anspruchsvolle und würdevolle Rollen. Am Göttinger Theater spielt er den von Lynchmördern bedrohten Schwarzen in Sartres „Respektvolle Dirne“.

Nach dem Krieg macht er sein Abitur und studiert Politikwissenschaften. Seine erste Frau heiratet er 1947. Aus dieser Ehe gehen vier Kinder hervor. Nach dem Tod seiner Frau heiratet er ein zweites Mal.

In den 60er Jahren wird er Berater bei der Deutschen Entwicklungshilfe für Afrika. Seine ersten Reisen gehen nach Ghana, Nigeria und Niger. Er, der Afrika nur aus den Erzählungen seines Vaters als Kind kannte. Aber er verstand sie besser als seine weissen Kollegen, sagt er. Er verschlang auch alles, was er über Afrika fand. Dennoch traf er oft auf taube Ohren bei seinen weissen Kollegen, sagt er.

Er arbeitete als Journalist und später Chefredakteur bei der Zeitschrift „Afrika Bulletin“ und übernahm weiterhin qualifizierte Schauspielrollen am Theater.

2009 wird er als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Mitglieder der Afro-Deutschen Gemeinschaft mit dem Black-History-Month Award geehrt.

Er habe nie in der Öffentlichkeit stehen wollen. Doch heute Abend steht er im Mittelpunkt der Filmvorführung Pagen in der Traumfabrik im Zeughauskino in Berlin. Und er genießt es sichtlich.

Theodor Michael ist heute 88 Jahre alt. Er geht an einem Spazierstock und grüßt. Ein junges Mädchen stützt ihn und hilft ihm, aufs Podium zu klettern, Sonst läßt er sich nicht gern helfen. Trotz seines hohen Alters möchte er alles, soweit es geht, selbst machen. Jemand deutet auf die Stufen an der Seite. Zu spät. Er ist schon oben. Er lacht.

Bis heute verletzt es ihn, damals von Schule, Lehre und Wissenschaften ausgeschlossen gewesen zu sein. Dennoch sagt er ohne Verbitterung, er habe mehr gute Menschen getroffen als Schlechte. Er glaube an den Bibelsatz: „Er hat seinen Engeln befohlen, über ihn zu wachen. Diese Engel erkennen wir manchmal erst später als solche“, sagt er.

Anmerkungen

Erstmals wird im Rahmen einer großen Ausstellung Zerstörte Vielfalt des Deutschen Historischen Museum Berlin im Museum und in der ganzen Stadtauch auf die Vernichtung Schwarzer Deutscher aufmerksam gemacht.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juni 6, 2013 von in Politik & Gesellschaft und getaggt mit , , , , .

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