Neue Deutsche Presse

Migrantenkinder heute fauler als früher?

Trotz zahlreicher Schulreformen ist der Schulerfolg von Migrantenkindern nur mäßig. Die Lernmotivation scheint sogar mit der Zeit zu schwinden.

Die Eltern von Suzan Mauersberger kamen als Gastarbeiter aus Mazedonien nach Berlin. Die ganze Familie lebte damals im Wedding. Sie ist Anfang der 70’er Jahre in Berlin geboren, trotzdem kam sie in eine „Türkenklasse“. Dagegen wehrte sich der Vater erfolgreich und konnte die Tochter in einer „normalen“ Klasse unterbringen. „Mein Vater hat selbst nur fünf Jahre die Grundschule besucht und wollte, dass aus uns sechs Kindern etwas wird“, erinnert sich die Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern heute lächelnd.

Die Stadtplanerin versteht nicht, warum Migrantenkinder heute so lustlos zur Schule gehen. Sie findet, dass es den Kindern heute besser geht als ihr damals. „Unsere Eltern kannten sich in Deutschland nicht aus. Im Unterschied zu den Eltern heute. Trotzdem konnten sie uns durch ihre Erfahrungen motivieren: Kind, habe es besser als wir“, erklärt sich Suzan Mauersberger den Unterschied zur heutigen Elterngeneration.

Markus Öztürk (Name auf Wunsch geändert) ist 19 Jahre alt und lebt in der Kleinstadt Harsewinkel in der Nähe von Gütersloh. Seine Eltern stammen aus der Türkei. Wie die meisten Aramäer hat er einen deutschen Vornamen und den deutschen Pass. Er war noch nie in der Türkei, fühlt sich trotzdem als Aramäer. Seine Schwester, die 1981 mit neun Jahren nach Deutschland kam und als einzige der neun Geschwister studierte, macht ihm heute immer noch Vorwürfe, dass er sein Fachabitur nicht geschafft hat. Obwohl er weitaus mehr Chancen gehabt hätte als sie, wirft sie ihm vor. Seine einzige Erklärung lautet: „Bis zur achten Klasse war ich gut in der Schule. Danach hatte ich Schwierigkeiten. Irgendwann habe ich mit meinen aramäischen Freunden nur noch Blödsinn gemacht. Ich hatte keinen Bock auf Schule“, sagt er. Um Misserfolg zu vermeiden, hat er sich wahrscheinlich gar nicht mehr ans lernen gemacht, fügt seine Schwester hinzu. Schule ist kein Thema mehr für Markus. Zu oft schon gab es Streit, auch schon im großen Familienkreis.

Als er jetzt von seiner älteren Schwester erfährt, dass seine Eltern es sich in der Türkei überlegen mussten, welche der beiden schulpflichtigen Töchter sie in die Schule schicken, überrascht es ihn. In der Türkei kostet Bildung. Markus‘ Eltern, beide Analphabeten, verstehen deshalb nicht, warum ihr Sohn nicht glücklich darüber ist, die Schule zu besuchen. Er kriege doch alles, was er wolle, seufzt die Mutter.

Die Soziologin Czerna Wilpert hat in mehreren Untersuchungen herausgefunden, dass die Kinder der ersten Migrantengeneration generell eifriger waren. Die US-Mexikanerin erforscht seit den 70’er Jahren die Bildungssituation von Migranten in Berlin. Im Unterschied zu den 60’er und 70’er Jahren hatten die Eltern der Gastarbeiterkinder alle Arbeit. Heutzutage ist bundesweit jeder zweite Migrant arbeitslos.„Mit dem Wegfall der Arbeitsplätze in der Produktion fielen auch viele Ausbildungsplätze weg“, sagt Wilpert. Ausbildung und Arbeit scheinen unerreichbare Ziele zu sein. Deshalb ist für viele der Antrieb, etwas zu lernen, verschwunden. Heute finden nur knapp zwanzig Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Ausbildungsstelle. Im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen sind sie doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. So wachsen die Jugendlichen heute in einem Umfeld heran, wo Arbeitslosigkeit der Normalfall ist. Das Engagement der Eltern, ihre Kinder zu fördern, schwindet mit der allgemeinen Perspektivlosigkeit.

Parallele Welten

Bei der Ausbildungssuche werden viele von ihnen diskriminiert, weil sie an der „falschen Schule“ waren, falsch war sie, wenn sie fast ausschließlich von Migranten besucht war. Die Soziologin Wilpert wies nach, dass junge Migranten aus Bezirken mit einem hohen Migrantenanteil als weniger leistungsfähig eingeschätzt werden. In Berlin lernen in diesen Bezirken Kinder von Migranten und Deutschen heute in parallelen Welten. Eine Entwicklung, die bis in die 80er Jahre hinein staatlich geregelt war. Wenn die Anzahl von Migrantenkindern mehr als 20-30 Prozent in einer Klasse betrug, wurden sie von ihren deutschen Mitschülern separiert und in sogenannte „Ausländerklassen“ gesteckt. Die deutschen Eltern selbst betitelten sie als „Türkenklassen“, weil mehrheitlich türkische Gastarbeiterkinder diese Klassen besuchten. Die Schüler dieser Klassen verließen die Schule ohne Deutschkenntnisse. „Stattdessen lernten manche arabische Kinder in diesen Klassen Türkisch“, so Wilpert.

Koch oder Fachlagerist?“

Eigentlich will Markus Öztürk Koch werden. Seine älteren Geschwister belächeln diesen Wunsch. Deshalb beginnt er im August eine Ausbildung als Fachlagerist und lässt sich nicht mehr hineinreden. Suzan Mauersbergers‘ Eltern waren froh, dass ihr Kind studierte. Die Eltern achteten streng auf ihre Hausaufgaben und auf ihre Noten. Trotzdem findet sie, dass die Schule auf Bildungsbürger ausgerichtet sei. Als Mutter, deren Kinder in Schöneweide zur Schule gehen, sehe sie, dass auch deutsche Eltern in der Klasse ihrer Kinder mit den Anforderungen der Schule überfordert seien. Wenn ein Kind Schwierigkeiten mit dem Lernen habe, fehle den meisten Eltern die nötige pädagogische Fähigkeit, dem Kind effektiv zu helfen. „die Schule sollte einfach nur ihrer Aufgabe nachkommen“, meint Mauersberger. Kleinere Klassen und besserer Förderungen wären ein Schritt in die richtige Richtung. Denn: „Alle – egal ob deutsche oder migrantische Unterschicht – wollen natürlich, dass es die eigenen Kinder besser haben“, sagt sie.

Abschiebung statt Förderung

Hätte sich Suzan Mauersbergers Vater nicht erfolgreich dagegen gewehrt, dass seine Tochter in einer reinen „Ausländerklasse“ landet und hätte Markus‘ Schwester keinen Lehrer gehabt, der sie unterstützt hätte, wären wohl auch sie gescheitert. Denn trotz der hohen Motivation der ersten Generation hatten die meisten letztendlich nicht mehr Erfolg – aber waren eben motivierter – als die heutige Generation. Halbherzige Schulreformen wie die Abschaffung der Hauptschule machen die Segregation, die in den 80er Jahren begann, nicht rückgängig. Dies aber müsste passieren, wenn der Erfolg von Migrantenkindern wirklich gewollt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juli 30, 2013 von in Politik & Gesellschaft und getaggt mit , , , .
%d Bloggern gefällt das: