Neue Deutsche Presse

Der einsamste Sport der Welt

Es gibt immer mehr von ihnen. Doch immer noch zu wenige. Und sie bleiben meist unsichtbar. Die Rede ist nicht von einsamen Bergwanderern. Diese Bewegung findet in den Städten, auf Beton statt, mitten in der Öffentlichkeit und trotzdem erhascht man nur selten den Blick auf eine von ihnen. Richtig, es geht um Frauen in Bewegung. Mädchen auf Rollbrettern besser gesagt – Skaterinnen.

Ausnahmemädchen

Jelena 14 Jahre alt, ist eine von ihnen. Sie hätte gerne andere Mädchen, die ihre Leidenschaft teilen. Um eine Idee davon zu bekommen: Die Bewegung gibt es seit den 80er und 90er Jahren. Wenn auch nicht so zahlreich. Am ersten Girls Jam der europäischen Skater Meisterschaft 2002 nahmen neun Mädchen teil, 2007 waren es 24 unter 150 Männern.

Es gibt einen Gender-Gap. Um dem entgegenzuwirken, gibt es in der Skaterhalle im Friedrichshain seit einem Jahr spezielle Workshops nur für Mädchen. Hier trifft Jelena manchmal das eine oder andere. Sie ist froh, dass es die Workshops gibt, sonst müsste sie einsam und allein in den Straßen Berlins vor sich hin skaten. „Das macht keinen Spaß“, sagt sie.

Die meisten Mädchen hören schon nach einigen Wochen wieder auf. Sie kommen nicht mehr, weil sie sich allein fühlen, wenn sie nach dem Workshop das einzige Mädchen in unter Jungen sind. Sie denken, dass die Jungs besser sind. Meist seien die Jungen nicht wirklich besser, versichert Jelenas Trainer Joest Schmidt, aber ihr „mackerhaftes“ Verhalten verunsichere Mädchen wie auch zurückhaltendere Jungen.

Der erste Skaterverein in Berlin wurde 1977 gegründet. Auf dem Gelände des Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) in der Revaler Straße im Friedrichshain hat der Verein 2004 eine Skaterhalle aufgebaut. Mit einer 4,20 Meter hohen Indoor-Halfpipe ist es die größte Europas. Hier trainiert nicht nur Jelena, sondern auch Profis kommen hierher. Jelena fährt am liebsten am Boden über Bänke und Treppen.

Jelena fährt seit einem Jahr Skateboard: „Sie ist sehr talentiert und begabt, sie hat es schnell gelernt und kann es besser als jeder Junge“, sagt Schmidt. Jungs würden ihr Skateboard eher wie ein cooles Accessoire sehen und egal wie schlecht sie seien, würden sie skaten, bei ihnen ginge es darum, mit der Clique rumzuhängen.

Bei Jelena klingt die Sache trotz ihrer 14 Jahre dann eher reif und konstruktiv: „Jungen sind so verkrampft am Erfolg orientiert, sie wollen gleich Weltmeister sein und sind schnell frustriert, wenn es mal nicht so recht klappt, mir geht es um Spaß und außerdem lernt man nie aus. Auch Profis lernen immer Neues dazu“.

Guerilla und Mainstream

Beim Skaten geht es vor allem um Kreativität, Skater vollführen akrobatische Kunststücke auf dem Skateboard. „Mädchen fühlen sich wohl mit dem Skateboard, weil es ein individueller Sport ist, der keinen Wettbewerb kennt, wo Oma und Opa „schneller“ rufen und die Kids anfeuern. Welche Mannschaft besser ist, ist keine Frage“, sagt Joest Schmidt, Jelenas Trainer.

Guerilla-artige Aktionen im öffentlichen Raum sind typisch für die skatenden Jungen. Jeden Tag fährt Jelena mit der Tram M10 an ihnen vorbei in der Petersburger Straße, am Frankfurter Tor und auf dem Mittelstreifen in der Warschauer Straße skaten sie. Sie bringen einander neue Figuren und Tricks bei, filmen sich beim Üben oder treten gegeneinander an. Wenn Mädchen da sind, dann nur als Zuschauerinnen.

Skaten sei nicht einfach nur ein Sport, sagt Joest Schmidt. Skaten sei eine rebellische Jugendkultur, die sich den öffentlichen Raum aneignet, ohne elterliche Aufsicht testen Jugendlichen ihre eigenen Grenzen aus: „Wenn ich vom Tennisunterricht, zu dem mich meine Eltern zwangen, zurückkam, warf ich den Schläger aus der Hand und verschwand mit dem Skateboard unterm Arm“, verrät Joest Schmidt.

Larry Stevenson erfand das Skateboard 1963 und produzierte die erste Serie unter dem Namen Makaha in seiner eigenen Firma. Am Strand von Venice Beach in Kalifornien entwickelte er das Skateboard als eine Art des Wellreitens auf Asphalt. In den 90er Jahren verschwand das Skateboard fast gänzlich aus dem Straßenbild. Es war sogar schwierig Skateboards zu finden.

Seit Ende der 90er Jahre gibt es einen neuen Skate-Boom, und der Run von Eltern auf Skatetrainings hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch Jelenas Mutter hat Jelena an die Hand genommen und in die Skatehalle Friedrichshain begleitet. Seit dem tauche sie aber kaum noch beim Training auf. Jelena kommt und geht auf eigene Faust. Schlimm findet Joest Schmidt es, wenn Eltern ihre Kinder zu seinem Unterricht ankarren: „Das ist für mich eine sehr sehr schlimme Tendenz, sagt der Dreißigjährige.

Jelenas von morgen

Berührungsängste mit Jungs kennt Jelena nicht. Dass sie allein unter Jungen fährt, findet sie schon einsam und sie würde auch mal gern mit einer Freundin spontan auf der Straße skaten, aber vorerst nimmt sie mit den Jungs Vorlieb, die ja auch ganz nett sind, wie Jelena findet.

Nicht alle Mädchen haben das Selbstbewusstsein von Jelena und so bleibt es eine Frage, wann die Zeit kommen wird, wenn die Jelenas von morgen nicht nur flüchtige Erscheinungen bleiben, sondern wie selbstverständlich zum Stadtbild dazugehören.

Vor den Sommerferien hat die Skaterhalle Friedrichshain eine Projektwoche mit der Hermann-Sander Schule in Neukölln durchgeführt. Dort habe sich vor allem ein Mädchen mit Kopftuch sehr draufgängerisch gezeigt: „Sie hatte keinerlei Scheu vor dem Skateboard“, sagt Joest Schmidt. Sie wolle wieder kommen. Vielleicht hat Jelena ja dann endlich eine Skate-Freundin.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juli 31, 2013 von in Kultur & Medien und getaggt mit , , .
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