Neue Deutsche Presse

2 Millionen Klicks für Beauty

von Marie Hoffmann

Der italienische Künstler Rino Stefano Tagliaferrio hat hunderte Gemälde in einem zehnminütigen Kurzfilm animiert. Das atemberaubende Kunstprojekt vereinbart Werke der Renaissance bis zum Neoklassizismus. Ein neues Kunstwerk ist geschaffen.

Grollende Laute einer startende Maschine geben den Ton an. Schnitt. Die Atmosphäre ändert sich abrupt. Streicher setzen ein und wir tauchen im Zustand der Schwerelosigkeit in Beauty ein. Rino Stefano Tagliafierros Video ist Mitte Januar 2014 auf dem Videoportal Vimeo mehr als 2 Millionen mal gesichtet worden. In knapp zehn Minuten hat der Videokünstler hunderte Gemälde der klassischen Kunst zum Leben erweckt. Der im norditalienischen Piacenza 1980 geborene Künstler, nimmt den Zuschauer mit auf eine hypnotische Reise und verkündet eine bewegende Hommage an das Schöne im Leben und in der Kunst.

Stellen Sie sich vor, Sie schauen eine zeitlang Rembrandts Selbstportrait in der Berliner Gemäldegalerie an. Je länger Sie das Gemälde betrachten desto mehr gewinnen Sie den Eindruck, dass sich irgendwas bewegt hat. Aber was? Hat Ihnen der Maler zugezwinkert, hat er seine Unterlippe leicht bewegt, oder haben Sie doch etwas gehört? Mit Empathie nähern Sie sich der Intention des Malers und begreifen sich unbewusst als ein Teil des Ganzen. Und so verführt uns Taliafierros Beauty.

Tagliafierros Vision

Anhand der Videokunst hat der mailänder Künstler seine Leidenschaft für die Malerei und sein Vorhaben die wechselvollen Gefühle der Menschen zu illustrieren vereinbart. Seine Vision war „all die Gefühle, die ein Mensch im Laufe seines Lebens erfährt, wiederzugeben. Von Geburt an bis zum Tode empfinden wir in unterschiedlichen Formen Freude, Liebe, sexuelle Ekstase, Schmerz, Seelenqual und Angst.“

Ohne Umschweife begeben wir uns in die Tiefe verschiedener Landschaftsgemälde. Leicht regt sich eine tränkende Rehherde, eine grasende Kuh und ein Vogelzug. Liebkosende Mütter mit ihren Säuglingen, nackte Cherubine, spielende Mädchen in Großaufnahme zeugen von der Selbstlosigkeit des Mutterglücks. Es ist die Zeit der Unschuld. Die Geschichte setzt sich fort in einem Bacchanal, zauberhafte Klänge, leichtes Trommeln. Es ist die Zeit der Liebe, der Sinnlichkeit. Keusche Erotik, intimes Epos, die Allegorie der Begierden mit ihren elastischen und weichen Körpern führt uns zum Drama. Memento mori! Bedenke, dass du sterben musst. Die Sonne sinkt hinter die bestehende Fassade einer Ruine.

Die Gemälde des italienischen Malers des Frühbarocks Carravagio und des französischen Meisters des Klassischen Realismus William Adolphe Bouguereau sind das Fundament auf dem Tagliafierro den Kult des absolut Schönen aufbaut. Zudem reiht er unter anderem die Werke von Jan Vermeer van Delft, Peter Paul Rubens, Théodore Géricault und Thomas Cole in eine kontrastreiche Abwechslung. „Plötzlich löst ein angenehmer Augenblick einen unangenehmen Augenblick ab. So schaffe ich gewaltige Veränderungen und wühle die Zuschauer auf“ erklärt Tagliafierro.

Die technische Umsetzung

Die Herstellung von Beauty dauerte insgesamt fünf Monate. Für die Umsetzung verwendete der Künstler die Technik des Cut out, einen langwierigen und akribischen Prozess in dem Personen oder Elemente ausgeschnitten und animiert werden. Mit Hilfe von Bildbearbeitungs- und 3D-Grafikprogrammen konnte der Videokünstler die Hintergründe digital rekonstruieren und fügte graphische Effekte wie Nebel, Regen, Blut, Wasser und akustische Komponenten wie Stöhnen, Gekreische, Donner hinzu. Die Einstellungsgröße beziehungsweise die Wahl der Kadrage innerhalb der Bilder gekoppelt an die animierten Körperteile oder Gegenstände und die Kamerafahrten untermalen dramaturgisch den starken Ausdruck der Gesten. Es ist als ob sie den starren Gemälden entsprungen wären.

Tagliafierros Video endet mit einem berühmten Bild der deutschen Romantik: Caspar David Friedrichs Abtei im Eichenwald, welches uns in seiner kompromisslosen Bildsprache auf den Beginn der Moderne weist.

B E A U T Y – dir. Rino Stefano Tagliafierro from Rino Stefano Tagliafierro on Vimeo.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 27, 2014 von in Kultur & Medien und getaggt mit , , , , , .
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