Neue Deutsche Presse

Der Rente neue Kleider

(c) Sonia Dimitrow

(c) Sonia Dimitrow

von Sonia Dimitrow

Die große Koalition steht. Zeit, die Rente neu einzukleiden. Fix zum Schneider geschickt, schon bereit für das öffentliche Shooting. Stolz werden ihre leuchtenden Gewänder präsentiert, sie wirken. Zumindest auf den ersten Blick. 

Rente mit 63? Hurra! – die Erste! Das ist doch ein Versprechen. Nach Plänen der Arbeitsministerin Nahles sollen Arbeitnehmer, die 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, mit 63 Jahren abschlagsfrei in den Ruhestand gehen können. Auch Zeiten der Kurzzeitarbeitslosigkeit, in denen Arbeitslosengeld I bezogen wurde, sollen berücksichtigt werden. Hurra! – die Zweite, oder?!

Schnell wird klar, dass keine Lupe notwendig ist, um die schräg zusammengenähten Hafte zu entdecken. Fast wirkt es so, als hätten die Schneider unter Zeitdruck gearbeitet, um die Kreationen rechtzeitig auf den medialen Laufsteg zu schicken. Wie so oft, sind die ersten Kritiker dann nicht weit.

Die einen monieren Flickspuren auf der rechten Seite, die anderen die auf der linken Seite. Auch die schiefe Naht in der Mitte wird von der Mitte bald entdeckt. Keinem kann es so richtig gefallen, das neue Rentenkleid. Männliche Facharbeiter würden vor allem profitieren, also diejenigen, die vergleichsweise eine ohnehin gute Rente erhielten, beschweren sich die einen. Wo bleiben die Frauen, die seltener eine Arbeitsbiographie von 45 Jahren mit 63 vorzuweisen hätten, die Dachdecker, die Bauarbeiter, die Selbständigen, die ehemaligen Asylbewerber, fragen die anderen. Familien, Frauen und Geringverdiener seien insgesamt die großen Verlierer der neuen Robe. Bezahlen müssten es eh die Jungen, heißt es. Sogar von Verschwörungen gegen die Jüngeren ist die Rede. Eine alt-gegen-jung-Diskussion wird neu erwärmt. Von Klientelpolitik wird gesprochen. Auch die BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) kritisiert. Sie kritisiert ein mögliches Frühverrentungsmodell, welches Arbeitgebern die Möglichkeit böte, Arbeitnehmer bereits mit 61 Jahren zu entlassen – deren Rente zumindest, sei gewährleistet.

Der Rente neue Kleider – ein modernes Märchen, oder doch ein Altbekanntes, eines über Selbstbetrug, Lüge und Eitelkeit? Jahrzehntelang haben Regierungen am Rentensystem genäht, gestickt, gestopft. Die Rente mit 67 wurde eingeführt, die Frührente gestrichen, das Rentenniveau gesenkt. Von einer Gesellschaft, die immer älter, immer fitter wird, war die Rede. Werden wir doch nicht so alt, wie von den Politikern geglaubt?

Schnell zusammengeflickt ist kurzfristigen Charakters, alsbald platzt die ein oder andere Naht. Wegschauen und für den Moment denken, ist eben nicht besonders weit gedacht. Vorausschauend zu denken, ist Kunst. Die einzig sichere Konstante unserer Zeit ist der demographische Wandel, der gesellschaftliche Wandel.

Wie sehen wohl der Rente neue Kleider aus, wenn Generation Praktikum, Generation Zeitarbeit ins öffentliche Bewusstsein rückt? Wäre es nicht zeitgemäß gänzlich neue Kleider gemeinsam zu denken, gemeinsam zu nähen? Die Debatte über die Grenzen der Politik hinaus zu öffnen – für jung und alt, arm und reich – mit jung und alt, arm und reich? Schließlich geht sie uns alle etwas an, die Rente.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 29, 2014 von in Politik & Gesellschaft, Standpunkte und getaggt mit , , , , , , .
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