Neue Deutsche Presse

Berlingefühl

(c) Sonia Dimitrow

(c) Sonia Dimitrow

von Sonia Dimitrow

Berlin, anziehend und abstoßend zugleich – jung, dynamisch und auf der Suche nach der verlorenen Langeweile. Auch sie ist auf der Suche, nach einem Job, nach Stabilität, nach einem Heim. Ein Lebensgefühl aus dem Leben, aus der Stadt, aus Berlin.

Vierte Welt steht auf dem Schild. Außerdem ein Pfeil, er zeigt nach rechts, Richtung Kaffee Kotti. Sie steigt die leeren Treppen hinauf. Anna trägt beige Boots, halbhoch. Die Enden der schwarzen Hose in ihnen versteckt. Schwarz ist auch ihr Mantel und die Mütze.

Unten, auf der Adalbertstraße laufen Menschen aneinander vorbei. Es ist Rush-Hour, auch oben. Um zur Selbstbedienungsbar zu gelangen reiht man sich Bauch an Rücken in die Warteschlange. Anna bestellt einen Cappuccino. Sie zieht die schwarze Wollmütze vom Kopf. „Jeder Tag ist eine Herausforderung, beim Einkaufen, da musst du immer und immer wieder anfangen zu zählen.“

Mit ihrem Blick sucht sie nach einem freien Platz. Die Luft steht, die Aschenbecher sind voll. Leute sitzen dicht zusammen, spielen Karten, trinken Bier, sprechen Weltsprachen. Hinten links, vor einem Marmortisch mit Holzbeinen, klappt sie die Sitzfläche eines alten Kinosessels nach vorne. Die Scharniere quietschen. Sie setzt sich.

Anna holt tief Luft, atmet langsam aus. „Alles was ich will, ist doch nur ein halbwegs ordentlicher Job“. Es mache ihr Angst, die Miete nicht mehr zusammenzubekommen, Monat für Monat aufs Neue. Ihr Blick verfängt sich auf den beigen Fliesen, nass, durchzogen von Schneeschlammpfützen und Kieselsteinen.

Anna Sobczyk kommt aus Polen. In diesem Sommer hat sie ihr Abitur gemacht. Danach ist sie nach Berlin, für einen Au-Pair-Aufenthalt. Eine Agentur habe ihr den Job vermittelt. „Sechs Stunden pro Tag waren vereinbart, 30 Stunden die Woche. Manchmal begann die Schicht um 5.30h früh und endete nach dem zu Bett bringen, nach dem aufräumen“. Einen Ausgleich für die gearbeiteten Extrastunden, den habe es nicht gegeben.

Sie nippt am Cappuccino, das rotbraune Haar zu einem Bob geschnitten fällt an den Seiten ins Gesicht „An den freien Wochenenden, da sollte ich mich auch um den Haushalt kümmern, das stand nicht im Vertrag. Die Leute denken oft, du bist jung, du bist Polin, dich gibt’s gratis“. Sie holt Luft, schüttelt den Kopf, atmet langsam aus, setzt die Tasse auf der grünen Marmorplatte vor sich ab.

Am anderen Ende des länglichen Tisches sitzt ein junger Mann mit Laptop. Er war schon da, bevor sie sich setzte. Er ist noch da, als sie geht. Stundenlang versunken im Ledersessel, braun und durchgesessen. Stundenlang versunken in einer Welt, in seiner Welt, vor dem Bildschirm.

Am Nebentisch, um die zehn Leute. Sie unterhalten sich angeregt, gestikulieren viel. Stimmgewirr und Cocorosies „Beautiful Boyz“ im Hintergrund. Sie sitzt auf der Stuhlkante, leicht nach vorne gebeugt. Die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände stützen Kopf und Kinn. Anna schluckt laut. „An den Computer durfte ich nicht, Sie hatten Angst, dass ich etwas kaputt mache. Sie hätten ihn ja selbst anmachen können und mich einfach nur skypen lassen.“ Skypen bedeutet für die junge Frau Kontakt aufnehmen, zu Familie und Freunden.

Das Telefon, ja, das habe sie benutzen dürfen. „Alles wurde genau notiert, jede Minute genau gezählt. Am Ende des Monats wurden die Telefonkosten vom „Taschengeld“abgezogen. Eine Minute, 14 Cent“. Von den 230 Euro blieb kaum was übrig, nachdem Telefon, Fahrkarte und Deutschkurs verrechnet wurden. Dass die Gasteltern sich am Volkshochschulkurs mit 50 Euro hätten monatlich beteiligen müssen, habe sie erst im Nachhinein erfahren.

Mitte Oktober hab ich dann aufgehört, es war zu viel. Für die Kinder tat es mir Leid, die sind mir total ans Herz gewachsen“. Zwei Wochen Zeit habe sie von den Gasteltern bekommen eine neue Unterkunft zu finden. „Ich stand unter Druck, wollte unbedingt hier bleiben. Eine Bekannte hat mich freundlicherweise für einen Monat bei sich aufgenommen“. Jetzt hat sie ein WG-Zimmer. Auch einen neuen Job. Anna arbeitet in einer Boutique für 5 Euro die Stunde. Sie hat einen Praktikantenvertrag, versichert ist sie nicht.

In der ersten Woche habe sie annähernd sechzig Stunden gearbeitet. Unvergütet, stellte sich bei der Lohnabrechnung heraus. Probewoche, erklärte die Geschäftsleitung auf Nachfrage. „Abgesprochen war das nicht, ich war geschockt. Habe den ganzen Tag geweint“. Auch an die vereinbarten 20-30 Arbeitsstunden die Woche halte man sich selten. Der Vertrag ist befristet, bis März. „Wenn keine Kunden mehr erwartet werden, muss ich nach Hause, oder es wird kurz vorher abgesagt“. Sie habe Angst, nicht auf genug Stunden am Ende des Monats zu kommen. „Und was dann, was mache ich, wenn ich die Miete nicht mehr bezahlen kann?“. Ihre Stirn legt sich in Falten, ihre Augen weiten sich, der Blick versinkt im Nichts.

Ab Oktober wolle sie Kulturwissenschaften studieren, sie hofft auf einen Studienplatz in Berlin. In Polen wollte sie auf eine Schauspielschule. „Theater hilft den Alltag besser zu verarbeiten, man lernt offener zu werden, gelassener“. Für eine deutsche Schauspielschule wären ihr Sprachkenntnisse zu gering. Aber sie sei motiviert. Motiviert und frisch verliebt. Später wolle sie sich noch in einem Kaffee vorstellen, morgen in Kaufhäusern. „Herausforderungen lassen uns wachsen“. Sie lächelt, hier, in der vierten Welt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 31, 2014 von in In Berlin und getaggt mit , , , , .
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