Neue Deutsche Presse

Breschnew: Küss mich, Brat!

Ein Interview von Lena Arent

Dmitri Vrubel (c) Lena Arent

Dmitri Vrubel (c) Lena Arent

„Klar erkennt man mich nicht, ich bin doch kein Warhol“. Dmitri Vrubel erzählt in einem Interview, dass sein weltberühmter „Bruderkuss“ mehrmals beschädigt wurde und warum er Berlin für sich als Lebensort ausgewählt hat. 

Der „Bruderkuss“ ist die bekannteste Graffiti-Freske an der East Side Galery – dem größten Stück der Berliner Mauer. Während um die Lücken an der Galery noch heftige Debatten herrschen, sprechen wir mit dem Autor des „Bruderkusses“ Dmitri Vrubel darüber, wie sein Gemälde einst vom Antlitz der Erde ausgelöscht wurde. Als Symbol der Wiedervereinigung Deutschlands entstanden, zeigt das Bild, wie der Generalsekretär Breschnew, der eine Leidenschaft für die sozialistische Bruderschaft hatte, den Leiter der DDR, Erich Honecker, auf seine Lieblingsart begrüßt. Wegen seines kläglichen Zustandes war das Werk 2009 von den Berliner Restauratoren vollständig zerstört worden, so dass es von dem Autor unverzüglich an derselben Stelle neu geschaffen werden musste.

Herr Vrubel, versteht man denn unter einer Restaurierung nicht die Korrektur, die Auffrischung, der mit der Zeit entstandenen Schäden an einem Kunstwerk? 

Dmitri Vrubel: Was mit dem „Bruderkuss“ gemacht wurde – war die einzig mögliche Lösung. Sonst wäre es sowieso zu 75% pure Renovierung gewesen. Einzig authentisch am Werk blieben nur die Haare und die Überschrift oben. Kurz nach der Fertigstellung des Werkes an der Mauer hat man sofort angefangen, auf das Bild Farbe zu werfen. Generell gibt es nur zwei Möglichkeiten für beschädigte Kunstwerke oder Bilder: sie entweder als Ruine zu lassen, wie zum Beispiel die ausgebombte Kirche am Kurfürstendamm, oder aber das Bild wiederherzustellen, wie das mit dem ganzen Berlin der Fall war. Die zweite Variante ist richtiger. In jener Variante, die jetzt an der Mauer ist, habe ich außerdem Fehler korrigiert, die ich vor 22 Jahren gemacht habe. Damals war der „Bruderkuss“ meine erste Arbeit im Freien. Ich arbeitete da mit  Farben, die neu für mich waren und habe viele Fehler zugelassen. Bis zum Jahr 1996 hatte ich das Bild bereits fünfmal restaurieren müssen.

Aber das neue Bild verfügt über eine ganz andere Energetik. Die Welt ist nicht mehr dieselbe, Sie haben sich verändert, das Bild haben Sie in einer ganz anderen Stimmung gemalt. Und eine neue historische Bedeutung hat sie doch auch, oder?

Das ist doch Berlin, hier ist auf jedem Schritt Geschichte. Alles, was in den Berliner Kontext gerät, wird zur Geschichte. Und alles, was mit meinem Bild im Laufe der Zeit passierte, ist schon Geschichte. Das schließt das restaurierte Bild aus dem Jahr 2009 mit ein und auch das ursprüngliche Bild.

Manchmal passieren mir lustige Sachen im Zusammenhang mit dem Bild. Beispielsweise, wenn ich ein Interview  vor dem „Bruderkuss“ gebe, aber Touristen gleichzeitig von dem Bild ein Foto machen wollen. Sie sagen dann zu mir: „Gehen Sie doch zur Seite!“ Der Journalist versucht dann den Touristen zu erklären, dass ich der Autor dieses Bildes bin, aber die Touristen lachen dann und sagen– „ne, der Autor ist doch schon längst tot!“

Das heißt, alle kennen den „Bruderkuss“, aber sie kennen dessen Autor nicht.

Aber das ist doch eine normale Situation. In der Regel kennt man nicht das Gesicht von Künstlern, außer vielleicht das von Warhol oder Dali. Wir sind halt keine Schauspieler, wir arbeiten mit den Bildern, nicht mit unseren Gesichtern.

Verwandlung des "Bruderkusses" (c) bruderkunst.ru

Verwandlung des „Bruderkusses“ (c) bruderkunst.ru

Sie haben 2010 eine Anfrage an die deutsche Botschaft geschickt, dass Sie in Berlin leben wollen. Wurden sie problemlos angenommen?

In Wirklichkeit hat das alles acht Monate gedauert. Zunächst erhielt ich von der deutschen Botschaft die Antwort, dass das behördliche Prozedere nur einen Monat Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber nach sieben Monaten Wartezeit  – inzwischen in Moskau lebend – haben meine Frau und ich erneut eine Anfrage gestellt. Darauf antwortete die deutsche Botschaft, dass anderthalb bis zwei Jahre Wartezeit eine übliche Sache sei. Ich entschloss mich dann, einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zu schreiben. Sinngemäß schrieben wir ihm, dass es merkwürdig für das Image der Stadt wäre, wenn Herr Vrubel nicht in Berlin leben dürfte. Eine Kopie dieses Schreibens schickten wir dem „Spiegel“. Plötzlich, wurden in zwei Wochen alle Papiere fertig gemacht.

Aber im Endeffekt verstehe ich nicht, wie ein ausländischer Künstler hier überhaupt leben und arbeiten soll. Eine der Forderungen für die Ausstellung einer Erlaubnis war, einen Businessplan für zwei Jahre vorzulegen! Das ist doch als Künstler völlig unreal!

Man muss vielleicht ein Vrubel sein, um hier leben zu dürfen!

Ja, aber in meinem Pass steht jetzt, dass ich hier nur als Künstler arbeiten darf. Wenn mein Geld alle wird, und ich zum Beispiel kellnern oder Straßen fegen will – verboten. Anspruch auf Arbeitslosengeld habe ich auch nicht.

Haben Sie Berlin als Lebensort gewählt, weil Sie hier Weite für den künstlerischen Gedanken gefunden haben? Weshalb wollten Sie nicht in Moskau bleiben?

Die Berühmtheit meines Bildes hat mein weiteres Schicksal eben vorherbestimmt. Ich bin mit Berlin mehr als zwanzig Jahre verbunden. Das erste Mal bin ich im April der 1990er Jahre nach Berlin gekommen und im Juni desgleichen Jahres zeichnete ich dieses Bild. Da gab es noch die DDR.

Ich habe die Wiedervereinigung Deutschlands live miterlebt und sah, wie die U-Bahn wieder aus dem Westen in den Osten der Stadt fuhr. Damals waren die Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg, die zwei ekligsten Bezirke Berlins, von dort zogen alle weg und flohen in den Westen, vermutlich, weil alle dachten, dass es diese Bezirke nicht mehr geben wird.  Aber Berlin verbessert sich ständig. In Moskau ist es ganz anders. Wenn man dort beginnt, etwas zu reparieren, dann bleibt es entweder im selben Zustand oder wird gar schlechter. In Berlin fühle ich mich daheim. Ich mag die deutsche Hauptstadt. Es ist die beste Stadt auf der ganzen Erde.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 31, 2014 von in In Berlin und getaggt mit , , , , , , .
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