Neue Deutsche Presse

Iris in Eurocan

von Aura Cumita

Drei Männer verbringen ihre Nachmittage in einem Café am Görlitzer Bahnhof, um der Einsamkeit zu entfliehen. Auf unterschiedliche Weise verbindet alle drei die Sehnsucht nach einer Frau.

 

Eurocan Café und Bäckerei / (c) Aura Cumita

Eurocan Café und Bäckerei / (c) Aura Cumita

Eurocan. Café und Bäckerei am Görlitzer Bahnhof. Ständig kommen Leute. Rein. Raus. Kinder und Erwachsene. Über die Lautsprecher läuft leise das Metropol fm, ein deutschtürkisches Radio.

Gleich neben dem Eingang, auf der linken Seite, ein leicht beleuchteter separater Raum mit dunkelrosa gestrichenen Wänden und weißer Decke. Ein Mann im Anzug sitzt an einem Tisch und schaut raus auf die Fenster. Er trinkt in Ruhe uludağ gazoz aus einer Dose – ein Getränk, süßer als Sprite. Ab und zu spricht er mit sich selbst. Oben an der Wand hängt ein Bild vom Taj-Mahal, der großen indischen Grabmoschee. Seit seine Frau an Asthma gestorben ist, kommt Yasar Hasan jeden Tag in das Café. Hier trinkt und isst er gerne: „Meine Frau tot: alleine geht nicht.“ Er stammt aus der Türkei und hat bisher in Mannheim und Hamburg gelebt. 1973 ist er nach Berlin gekommen. „In Mannheim – Metallfabrik – 2 Jahren, in Hamburg – Bleifabrik – 720 Grad warmes Ofen – 1 Jahr – schwere Arbeit“, sagt Yasar. Und in Berlin? „In Berlin – Plastikfabrik – viele Jahren. Viele Fabriken.“ Seit 2009 ist er Frührentner. Ob er Freunde hat? Freunde nicht, aber große Familie: vier Kinder und sieben Enkelkinder.

An einem anderen Tisch sitzt ein Mann, der Frauen zeichnet. Es seien erfundene Frauen. Auf dem Tisch eine angezündete rote Kerze, die strahlt. „Bei Frauen muss man das Gesicht schön und romantisch zeichnen. Bei Männern kannst du machen, was du willst,“ sagt der Ägypter Elsisy Wieem. Solche Frauen gäbe es selten heutzutage. Das Zeichnen der „romantischen Frauen“ sei sein Hobby. Er sei kein Künstler, sondern Geschäftsmann. Er komme auch täglich hierher: der Ort sei ruhig und nah an der Moschee.

Ein Mann mit langem Mantel kommt rein und begrüßt die anderen beiden. Er setzt sich an einen anderen Tisch. Halim Altun besucht seit sieben Jahren dieses Café. „Ich bin Stammkunde. Ich komme hier auch wenn ich kein Geld habe. Manchmal komme ich um 2 oder 3 Uhr nachts, wenn ich nicht schlafen kann,“ sagt Halim. Der Ort sei gut für seine Lebensart. Welche Lebensart? Die Einsamkeit, sagt Halim. Ob er eine Frau sucht? Ja, aber er könne sie nicht finden. Seit zehn Jahren habe er keine Beziehung zu einer Frau gehabt. Er gibt jedoch die Hoffnung nicht auf. Er hat einen islamischen Verein in der Nähe gegründet, der Bilvaris heißt. Es sei ein für Sufis gedachter Verein. Was die Sufis seien? Leute, die dem Islam gehören und sehr darauf bedacht sind, keine Sünde zu begehen. Nicht sündigen könne er aber nicht. Er gehe fünf mal am Tag in die Moschee um zu beten und käme in der Zwischenzeit hierher. Hier treffe er sich mit anderen Männern um über islamische Themen zu reden. So wie die Männer in den türkischen Teecafés.

Eine junge, schöne Frau kommt rein, bestellt sich einen Tee und setzt sich ans Fenster. Sie macht es sich gemütlich und trinkt ihren heißen Tee. Die Männer schauen ihr kurz zu. Mit ihr kann man sich entweder auf englisch oder französisch unterhalten. Sie ist Französin. Ihr Name ist Iris. Sie geht gleich. Yasar, Elsisy, und Halim schauen ihr nach und bleiben noch eine Weile.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 31, 2014 von in In Berlin und getaggt mit , , , , , , , , .
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