Neue Deutsche Presse

„Im Zeichen der türkischen Proteste“ – Das Buch zum Gezi-Protest in Berlin

Gezi Proteste in Berlin/ (c) Screenshot you tube nbproductionsgermany

Gezi Proteste in Berlin/ (c) Screenshot you tube nbproductionsgermany

Ein Interview von Lale  Akrenk

Die gewaltsame Räumung des von Umwelt-Aktivisten besetzten Gezi-Parks in Istanbul durch die türkische Polizei, führte im Sommer 2013 zu landesweiten Demonstrationen gegen die AKP-Regierung. Welche Wirkung die Proteste in der Türkei auf die türkische Gemeinde in Berlin hatten, wird in dem Buch Ein „türkischer“ Sommer – Die Gezi-Bewegung und der Traum von Demokratie in Berlin“ beschrieben.
Eine der beiden Buchautorinnen, Canset Icpinar, spricht im Interview über die Auswirkungen der Proteste auf hier lebende Türkeistämmige und sie verrät uns, welchen persönlichen Bezug sie zu den Protesten in der Türkei und in Berlin hat.

Akrenk: Frau Icpinar, können Sie ihre Eindrücke von den Ereignissen in Berlin schildern, die in Reaktion auf die Geschehnisse in der Türkei stattfanden.
Gab es innerhalb der türkischen Gemeinde in Berlin, wie in der Türkei, eine Lagerbildung, in pro- und contra Occupy Gezi?

Icpinar: Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die letztjährigen Gezi-Proteste bzw. Juni-Proteste in der Türkei die türkischstämmige Gemeinde in Berlin gespalten haben, in ein pro und contra-Occupy Gezi-Lager. Es wurde aber keine Statistik erhoben, um zu prüfen, wie viel Prozent der türkischstämmigen Berliner dem pro- bzw. dem contra- Lager angehörten.

Welche konkreten Aktionen in Berlin gab es? Gab es pro Gezi-Solidaritätskundgebungen oder Demonstrationen, die der OccupyGezi-Bewegung ablehnend gegenüber standen?

Ebru Tasdemir [Ko-Autorin  Anm. d. Red.] und ich haben die Ereignisse in Berlin sehr intensiv beobachtet. Wir waren gleich bei den ersten Protestaktionen in der Stadt dabei.
Es war beeindruckend, dass sich direkt im Anschluss an die ersten Demos in Istanbul auch am Kottbusser Tor eine kleine Solidaritätskundgebung organisiert hatte. Am Anfang waren es 300 bis 400 Menschen und am nächsten Tag waren es dann gleich Tausende, die in Berlin auf die Straße gegangen sind.
Es gab verschiedene Protestformen, es wurden Demonstrationen, Flashmobs, Diskussionsveranstaltungen organisiert oder künstlerische Aktionen. Letztere wurden gestartet von Künstlern, Schriftstellern und anderen Intellektuellen.
Bei diesen Veranstaltungen in Berlin handelte sich in erster Linie um Aktionen, die mit der OccupyGezi-Bewegung in der Türkei sympathisiert haben. Es gab in Berlin, anders als in West-Deutschland, keine Anti-OccupyGezi-Demos oder sonstige Veranstaltungen dieser Art. In West-Deutschland hingegen, ich glaube in NRW, haben sich zehntausende Menschen zu einer Sympathiekundgebung für die AKP-Regierung versammelt. Derartiges hat sich in Berlin nicht ereignet, obwohl es mit Sicherheit auch in Berlin sehr viele Gegner der Occupy Gezi-Bewegung gab.

Ein "türkischer" Sommer in Berlin

Ein „türkischer“ Sommer in Berlin

Einzelne Aktionen, die sich gegen die pro Occupy Gezi-Demos in Berlin gerichtet haben, wie beispielsweise, dass einzelne Leute mit AKP-Schildern den pro-Gezi-Demonstranten entgegentreten sind, konnten Sie in Berlin nicht beobachten?

Nein, ich kann von mir sagen, dass ich fast auf jeder Demonstration in Berlin gewesen bin. Persönlich bin ich aber niemanden begegnet, der sich während einer pro Occupy Gezi-Demo gegen die Protestierenden gestellt hat, beispielsweise mit einem AKP Schild oder ähnlichem.
Vereinzelt, sehr vereinzelt soll es zu Pöbeleien gekommen sein, wie beispielsweise beim Protestcamp am Kottbusser Tor, das Anfang Juni 2013 aufgeschlagen wurde. Das haben mir Menschen vor Ort mitgeteilt, allerdings sollen diese Pöbeleien nicht der Rede wert gewesen sein.

Gab es bestimmte Gruppen oder Organisationen, türkische oder deutsche, die bei den Solidaritätsdemos für die Occupy Gezi-Bewegung federführend waren?

Es gibt keine Gruppe, von der man behaupten kann, dass sie die Demonstrationen in Berlin angeführt hätte. Das Besondere an der Berliner Protestbewegung war, dass ähnlich wie in der Türkei, Menschen mit unterschiedlichem ethnischem oder politischem Hintergrund an den pro Occupy Gezi-Protesten teilgenommen haben. Natürlich haben politische Gruppen, vornehmlich aus linken Kreisen, Demonstrationen angemeldet oder das Protestcamp am Kottbusser Tor in den ersten Wochen unterstützt. Aber die Demonstranten in Berlin waren sehr bemüht nicht ihre eigene politische Meinung in den Vordergrund zu stellen, sondern ihre Unterstützung für die Occupy Gezi-Bewegung in der Türkei zu bekunden.

Glauben Sie, dass es noch weitere Aktionen in Berlin geben wird oder ist der Berliner pro Occupy Gezi-Protest ähnlich abgebbt wie in der Türkei jetzt?

Berlin war eine Art Spiegelbild dessen, was sich in der Türkei abgespielt hat. Man konnte beobachten, dass in Berlin die Proteste gegen Herbst auch ein bisschen schwächer geworden sind. Das ist alles abgeebbt. Es kann durchaus sein, dass nochmal Proteste aufkeimen werden, sobald es in der Türkei wieder zu Protesten kommt.

Welchen persönlichen Bezug zu den Protesten in Berlin und in der Türkei haben Sie und ihre Mitautorin, Frau Tasdemir? Aus welcher Intention heraus bzw. warum haben Sie beide dieses Buch geschrieben?

Zunächst einmal hat das Thema unsere Aufmerksamkeit als Journalisten und auch als politisch interessierte Menschen geweckt. Darüber hinaus haben wir schnell gemerkt, dass uns diese Protestbewegung besonders fasziniert, weil wir türkische Wurzeln haben, unsere Eltern stammen aus der Türkei. Wir haben also einen Bezug zur türkischen Sprache und Kultur und hatten hierdurch eine besondere Verbindung und einen anderen Zugang zum Thema.
Wir haben realisiert, dass wir eine emotionale Verbindung zu dem Thema haben und dass es ganz vielen türkischstämmigen Menschen in Berlin auch so erging.
Denn egal, ob die türkischstämmigen Berliner nun die Occupy Gezi-Bewegung in der Türkei befürwortet haben oder nicht, die Ereignisse dort haben die Menschen hier sehr bewegt.
Zehntausende Menschen sind in Berlin auf die Straße gegangen und haben an den pro Occupy Gezi-Demos teilgenommen, was relativ untypisch für die türkische Gemeinde in Berlin gewesen ist. Selbst bei der Aufdeckung der NSU-Morde konnten nicht so viele Menschen mit türkischen Wurzeln zu einem Protestzug in Berlin mobilisiert werden.
Wie sehr die Gezi-Ereignisse in der Türkei Berliner mit türkischen Wurzeln bewegt haben, wollten wir in einem Buch festhalten. Unser Buch soll zeigen, dass der letztjährige Sommer in Berlin im Zeichen der türkischen Proteste oder im Zeichen der Proteste in der Türkei stand.

Ebru Tasdemir/Canset Icpinar
Ein „türkischer“ Sommer in Berlin – Die Gezi-Bewegung und der Trau von Demokratie (2014)
Verlag Orlanda, 160 Seiten
12,90 €

Zur Autorin Canset Icpinar:
geboren 1984 in Berlin, studierte Kultur des Vorderen Orients, Sinologie und Publizistik und arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Printmedien in Berlin. In ihren bisherigen Veröffentlichungen behandelte sie Themen wie Einwanderung und Integration. Sie berichtete für die Taz von den sommerlichen Gezi-Solidaritätskundgebungen in Berlin.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 4, 2014 von in In Berlin und getaggt mit , , , , , , .
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