Neue Deutsche Presse

Menschen, Tiere, Petitionen

© thejaymo-flickr.com

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von Danica Bensmail

Barack Obama, das ZDF und Winfried Kretschmann teilen dieser Tage ein Schicksal. Sie alle stehen unter Druck – vom Wutbürger. Er ist zurück. 

Er ist wieder da. Der Wutbürger. Wütender und virtuell. Demokratie goes digital. Seit 2005 können BRD-Bürger über den Petitionsausschuss des Bundestages ihre Anliegen einreichen. Wer binnen eines Monats 50.000 Unterschriften für sein Gesuch sammeln kann, wird persönlich vom Bundestag eingeladen. Das spornt an.

Unlängst geschehen in Baden-Württemberg. Mit Winfried Kretschmann steht zum ersten Mal ein grüner Ministerpräsident an der Spitze des Landes. Kretschmann und die rot-grüne Landesregierung haben für 2015 einen Bildungsplan entworfen. Dessen Inhalt: eine intensive Gender-Sexualaufklärung in allen Schulfächern.

Gabriel Stängle, Realschullehrer, hält nichts von Gender oder Sexualaufklärung. Er sitzt im heimischen Nagold und ist dagegen. Über openpetition.de verfasst der schäumende Schwabe die Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“. Vor der Freischaltung bemängelte openpetition den ursprünglichen Petitionstext als nicht sachlich genug. Stängle musste noch mal ran und schrieb die Petition um. Seit dem 30. Januar liegt sie beim Landtag – 200.000 Unterschriften stark. Da ist er wieder, der Wutbürger.

Reingehackt

Mittlerweile in Leipzig: Maren Müller kann nicht schlafen. Zu groß ist die Wut über Markus Lanz und dessen „hochnotpeinliches Verhör“, dem er Die Linke Politikerin Sarah Wagenfeld aussetzte. „Warum darf er unverschämt zu seinen Gästen sein?“, empörte sich Müller.

Sie habe nach der Sendung ihren Rechner hochgefahren und die Petition reingehackt: „Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr“.  „Ich wusste nicht, wie ich diesen Frust anders hätte abbauen können“, sagte Müller im Spiegel Online Interview. Das Gesuch der ehemaligen Stadträtin scheint einen Nerv getroffen zu haben. Die Petition wuchs in kurzer Zeit auf über 230.000 Unterschriften.

Screenshot/petitions.whitehouse.gov

Screenshot/petitions.whitehouse.gov

Washington D.C.: White House Pressesprecher Jim Carney will sich das Lachen gar nicht verkneifen. Er stellt seinen Coffee to Go zur Seite, dann antwortet er: Ja, das Weiße Haus werde schon bald zu Justin Biebers Abschiebungsgesuch Stellung beziehen. Ende.

Auch Amerika bietet seinen Bürgern mit petitions.whitehouse.gov eine Plattform, um Petitionen zu verfassen. Auch hier gilt: Wer 100.000 Unterschriften für sein Gesuch sammeln kann, ist sich einer Stellungnahme des Weißen Hauses sicher.

Etwa eine Viertelmillion Amerikaner fühlt sich durch den kanadischen Pop-Rabauken Justin Bieber „fälschlich in der Welt der Popkultur repräsentiert“. Ob das tatsächlich für eine Abschiebung reicht?

Relevanz? Egal. Aufmerksamkeit!

Das Netz ist voll von abstrusen Petitionen, wie dem Bau eines Todes Sterns oder der Beendigung des US-Embargos auf Ü-Eier. Wer nicht schlafen kann, hackt schnell eine in die Tasten. Relevanz? Egal. Hauptsache Aufmerksamkeit! Inhalte um Promis und Reizthemen fungieren als Multiplikatoren und sind Garant für mediale Aufmerksamkeit.

Viele E-Petitionen haben in Anonymität, Masse und Emotionalität die Qualität eines negativen Youtube Kommentars, die Unterschrift die eines Facebook Likes. Schnell, unkompliziert und für den Unterzeichner ohne ernsthafte Folgen. Während einzelne unterhaltungslastige Initiativen zu viralen Internet Memes mutieren, gehen ernsthafte politische Bemühungen und Anliegen in der Flut der Spaßgesuche leider unter.

Bildquelle: CC image courtesy of thejaymo

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 5, 2014 von in Standpunkte und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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