Neue Deutsche Presse

Die inoffizielle Geschichte Deutschlands

Ein Interview von Helena Uran Bidegain

Imran Ayata (c) Eugen Halle

Imran Ayata (c) Eugen Halle

 Im Jahr 2011 entschloss sich der Autor und Werber Imran Ayata zusammen mit dem Künstler Bülent Kullukcu ein Kompilation-Album zu machen. “Songs of Gastarbeiter” ist der Titel. Eine musikalsiche Kulturgeschichte. Die Geschichte der Migranten. Die inoffizielle Geschichte.

Im Interview spricht Imran Ayata über sein Projekt, die Hierarchisierung der heutigen Migranten, das verwandelte Gesellschaft und vieles mehr.

 

1- Wie kamen Sie auf die Idee diese Kompilation zu machen? 2011 wurde das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland gefeiert. In diesem Kontext haben Bülent und ich fünf Jahrzehnte Migrationsgeschichte als eine  musikalische Reise im Theater Ballhaus Naunyystraße auf die Bühne gebracht. Das kam sehr gut an. In der Folge ist die Idee der CD entstanden.

3- Wo wurde diese Musik damals gehört? Am Anfang nur in der Community, in Wohnheimen, bei Familienfeiern oder politischen Festivals. Später änderte sich das. In den 1980er Jahren wurden die “ausländischen Mitbürger” entdeckt. Plötzlich wurden Jose und Ali bei Stadtteilfesten auf die Bühne geholt, um “ihre Kultur” zu repräsentieren. Aber am Anfang war es überwiegend Comunitymusik, was nicht heißt, dass der eine oder andere Künstler im Radio oder Fernsehen bei Sendungen wie “Ihre Heimat, unsere Heimat” aufgetreten sind.

4- Wurden diese Lieder damals in den Massenmedien wahrgenommen?  Eigentlich nicht. Es entstand ein Parallelmarkt, ausschließlich für in Deutschland lebende Gastarbeiter. Viele Musikproduktionen wurden über türkische Label in Deutschland produziert und vertrieben. Das Phänomen „Songs of Gastarbeiter“ ist an der deutschen Öffentlichkeit vorbeigegangen. Deswegen sind auch so viele heute verwundert. Sie: „Wow, so was gabs? Warum wussten wir davon nichts?“, unsere Antwort: „Weil es immer Rassismus gab!“

5 –Wieso kommt es erst jetzt – 50,40 30 Jahre später – in die Öffentlichkeit? Vielleicht hat es so lange gebraucht, weil unsere Gesellschaft nicht hinreichend offen ist. Das Interesse am Alltag von Gastarbeitern war nicht gerade groß, auch nicht an deren kulturellen Praxen. Das ist die eine Ebene. Die andere ist:  Heute verfügen wir über andere Möglichkeiten, als sie damals existierten. Wir können solche Projekte anders adressieren, was nicht heißt, dass wir besser sind als unsere Elterngeneration. Die gesellschaftlichen Bedingungen und Zugänge sind heute andere. Das führt dazu, dass neben der offiziellen Geschichtsschreibung eine neue entsteht.

6- Was denken Sie über das Wort Migrationshintergrund? Stigmatisierende und rassistische Zuschreibungen sind keine neuen Phänomen. In Deutschland lösen sich die Begriffe ab: Gastarbeiter, ausländische Arbeiter, Ausländer, ausländische Mitbürger, Immigranten, Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten noch weitere Begriffe präsentiert bekommen. Mir geht es nicht nur um die Begriffe, sondern um gesellschaftliche Verhältnis und diese in Frage zu stellen.

7- Die Begriffe haben sich geändert, wie hat sich in den Jahrzehnten die Wahrnehmung auf diese Gruppe verändert? Die Wahrnehmung, die Verhältnisse und die Bedingungen haben sich sehr verändert. Auch die staatliche Politik ist heute eine andere. Es fällt auf, dass die Differenzierung der Migranten nach erfolgreich-nicht erfolgreich, nützlich – nicht nützlich, glamourös- nicht glamourös, integriert – nicht integriert sich festschreibt. Es findet also eine Hierarchisierung statt.

8- Das Album ist eine Kulturgeschichte. Die Geschichte der Migranten. Wie ist die Reaktion? Sehr überwältigend. Vor allem, in den Medien wird das Album breit zur Kenntnisse genommen. Viele sind sehr erstaunt, wie cool und musikalisch überraschend und vielschichtig diese Musik ist. Das ist in gewisserweise beruhigen und ein Beleg, dass unsere Arbeit sich gelohnt hat. Den uns ging es auch darum zu zeigen, dass wir nicht von einem homogenen, amorphen Phänomen sprechen. Es geht um  viele Themen und unterschiedliche musikalische Ausprägungen. Und natürlich geht’s auch darum, dass die „Songs of Gastarbeiter“ cool und funky sind.

10- Was machen die Künstler heute? Wir haben nicht zu allen Musikern Kontakt. Otan Ata Canani lebt in Leverkusen, er fertigt Silberschmuck und tritt immer noch auf. Gurbetci Riza (Riza Taner) war früher Gärtner, heute pensioniert, macht weiterhin Musik. Andere leben in der Türkei. Von anderen wiederum wissen wir gar nichts.

11– Was fühlen Sie heute als Erwachsener, wenn Sie die Texte dieser Lieder hören? Heute bin ich oft geflasht, wie abgefahren viele Songs sind. Früher war es eher die Musik der Eltern, die ich nicht sexy fand. Weil Sie nach den Texten fragen: Es beeindruckt mich, wovon sie handeln, wie mutig und kämpferisch sie sind. Auch die Selbstironie gefällt mir sehr. Ich habe Respekt vor den Musikern. Ich weiß nicht, ob ich es hinbekommen hätte, mich so zu artikulieren, wenn ich damals nach Almanya gekommen wäre.  Das ist für mich eine außergewöhnliche Pionierleistung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 7, 2014 von in Kultur & Medien, Uncategorized und getaggt mit , , .
%d Bloggern gefällt das: