Neue Deutsche Presse

Berlinopoly – das Glück, die Stadt, das Spiel

(c) Sonia Dimitrow

(c) Sonia Dimitrow

von Sonia Dimitrow

Stell dir vor, aus Realität wird Fiktion, aus Fiktion wird Spiel, aus Spiel wird Ernst, aus Ernst wird reale Fiktion – Welcome to Monopoly reloaded

Let´s play! Die Würfel fallen. Erste Station, Turmstrasse. Günstig, gekauft! Die Würfel fallen erneut. 2. Station Südbahnhof. Teuer aber lukrativ, lohnt sich, gekauft!Würfel, würfel. würfel. 3. Station, Seestrasse. Geld fast alle, lohnt sich dennoch, Kredit aufgenommen, gekauft! Eine Sechs. Gemeinschafts-karte, welch Freude, ein Gewinn! 2.Preis beim Schönheitswettbewerb, es kann wieder gekauft werden. Die erste Runde um, die zweite, die dritte, die Stimmung kippt. Während sich einige Mitspieler die Miete auf einzelnen Straßen nicht mehr leisten können, freuen sich diejenigen, die etwas mehr Glück hatten, diejenigen die nun zur Kasse bitten. Die Ersten ersehnen eine kostenfreie Verschnaufpause im Gefängnis, die Zweiten über Los zu gehen und Einkommen zu kassieren. Das Stimmungsbarometer, auf dem Gefrierpunkt.

Monopoly, ein Spiel, viele Varianten, ein Ziel: möglichst viel Landnahme. In seiner ursprünglichen Version, The Landlord´s Game, bildet es mit seinen Elementen den Immobilienmarkt ab. Ideengeberin Elizabeth „Lizzi“ Magie Phillips konzipierte Anfang des 20. Jahrhunderts das Spiel zu Demonstrationszwecken, wie Mieten die Eigentumsinhaber bereichern und die Mieter verarmen lassen. Das ökonomische Prinzip einfach erklärt, selbst für Kinder.

Es wird berlinopoliert, Berlin wird aufpoliert…

Selbst die günstigsten Orte –BadstrasseTurmstrasseResidenzstrasse– werden im Laufe der Zeit teuer für die Einen, unbezahlbar für die Anderen. Im Jahr 2013 hat sich der Trend in Berlin zu steigenden Mieten fortgesetzt. Der Wohnmarkt-Report, vorgelegt vom Immobilienunternehmen GSW und dem Beratungsunternehmen CBRE bestätigt das, was viele längst vermuten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die durchschnittliche Kaltmiete bei Neuvermietung um sieben Prozent gestiegen, auf 8,02 Euro pro Quadratmeter. Erstmals auf der Poleposition Friedrichshain-Kreuzberg mit etwa 10 Euro pro kalten Quadratmeter, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf, um die 9,45 Euro. Tendenz steigend. Analysten prognostizieren einen sich fortsetzenden Trend. Warum? Die Wohnungsnachfrage steige überproportional zum Marktangebot. Von Juni 2012 bis Juni 2013 wuchs die Berliner Bevölkerung um fast 50.000 Einwohner, gibt Wohnungsmarktexperte Michael Schlatterer von CBRE an. Stadtweit würden zwar Neubauprojekte realisiert, zu 80% allerdings im Eigentumsbereich. Aufgrund der steigenden Nachfrage steigen Kaufpreise noch schneller als Mietpreise. Im Jahr 2013 um rund 10% zum Vorjahr, auf durchschnittlich 2474 Euro pro Quadratmeter. Auch hier, Tendenz steigend. Berlin prosperiert. Es wird gekauft, verkauft, gekauft. Immobilienfonds allen voran. Verunsicherte Anleger investieren nicht mehr in Aktien, sondern in Häuser, in Wohnungen, in Boden. Investoren dynamischer Immobilienunternehmen werben, sie werben um die Gunst des Käufers. Sätze, wie: Topimmobilien in Toplagen mit Entwicklungspotential, vielerorts zu lesen. Der Immobilienverband Berlin Brandenburg halte die Preisentwicklung für gemäßigt, weshalb von einer Immobilienblase keine Rede sein könne. Wohnraum sei weiterhin bezahlbar, heißt es. Erfreulich! Erfreulich auch die Botschaft der rot-schwarzen Regierung bei Vorstellung ihres Doppelhaushalts 2014/2015 – keine weiteren Schulden aufnehmen, einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Spitze! Aus arm und sexy, wird reich und sexy, oder? Es wird berlinopoliert, Berlin wird aufpoliert…

…auch saniert, modernisiert

Und reformiert. Der 1. Oktober 2013, ein Stichtag, ein Teilerfolg. Ein Gesetz tritt in Kraft, welches den Mietern, im Falle von Umwandlung der Mietwohnung in Eigentumsimmobilien, zehn Jahre Kündigungsschutz einräumt, welch Glück! Pech jedoch, wenn über Sanierungs-, und Modernisierungsmaßnahmen so lange an der Preisspirale gedreht wird, bis viele Alt-und Neueingesessene freiwillig das Feld räumen müssen. Beliebte Mittel der Investoren: Teure Balkonanbauten. Auch sehr beliebt, das altbekannte Spiel im Spiel: Ene mene miste, es rappelt in der Kiste, ene mene Maus, ich kauf dich raus! Unvermietet und sexy, lautet eine begehrte Maklerdevise heute. Viele Mitspieler, zum Weiterziehen bewogen, finden sich alsbald in der Rathaus-Spandau-Straße und Hellersdorfer Allee wieder. Der angelsächsische Kapitalismus auf dem Vormarsch, der sozialmarktwirtschaftliche Kapitalismus auf der Flucht. Die Nerven strapaziert.

Die Ereigniskarten, transformiert – Deine Wohnung wird modernisiert. Du kannst dir die Miete nicht mehr leisten, suche dir eine andere Straße, ein anderes Haus, einen anderen BlockDeine Wohnung wird verkauft. Stelle dich auf Wohnungsbegehungen in regelmäßigen Abständen einDu bist auf der Suche nach einer Wohnung. Zahle die Jahresmiete im vorausHerzlichen Glückwunsch. Du bist als Wohnungsmakler unterwegs. Erhalte 1.500 Euro Provision bei Neuvermietung. Die Gemeinschaftskarten auch, umstrukturiert – Dringend 2,5 bis 3 Zimmerwohnung in Neukölln gesucht, bis ca. 1000 Euro warm. Bei erfolgreicher Vermittlung erhalten die Mitspieler 2000 Euro BelohnungGehe nicht über Los, begib dich direkt zum MieterschutzvereinPacke deine Koffer. Bedenke, die Südsee ist auch keine Lösung.

…am Ende verharmlosiert

Welches Ziel verfolgt Berlinopoly? Viele? Einige? Keines? Über Los gehen? 4000 Euro kassieren, ohne ins Gefängnis zu kommen? Möglichst viel Kapital sichern und damit Teil des Systems werden, das bei einem Glas Rotwein auf der Terrasse in der Schlossstrasse angeklagt wird? Nicht mehr ins Gefängnis gehen, sondern in die echte Welt? Was wäre schlimmer? Was ist echt? Ist doch egal, ist doch ein Spiel, oder?!

Die Erfinderin des Spiels hatte zumindest theoretisch eine weitere Variante des Spiels im Sinne. Konzeptionell das Ziel, den Wohlstand aller zu mehren. Diese Variante setzte sich nicht durch, zu kompliziert. Auch in der Realität, zu komplex? Komplexität bedarf komplexer Visionen, komplexer Ideen, komplexer Ansätze, ob im Spiel oder da draußen, in der realen Fiktion.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 11, 2014 von in Kapital und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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