Neue Deutsche Presse

Blind Spotting

von Aura Cumita

BlindSpotting-DavidKiers

BlindSpotting-DavidKiers

Musik. Rote Vorhänge in vier Reihen. Vorhänge 1 und 2 gehen auf. Zwei Frauen. Eine im Zentrum der Bühne, die andere rechts. Sie hält in der rechten Hand eine Plastikflasche Wasser. Die Frauen bewegen sich langsam. Die eine im Zentrum der Bühne lässt Speichel aus ihrem Mund fließen. Sie trägt Bluejeans und ein sommerliches Unterhemd. Ihre Augen sind geschlossen. Die Hände hoch. Sie lässt die Hände langsam nach unten sinken und beginnt sich zu beugen, bis sie sich auf dem Boden niederlässt. Die Frau mit der Plastikflasche trägt ein T-Shirt und schwarze Unterhosen. Sie bewegt die Hand mit der Flasche zum Mund, trinkt langsam aus der Flasche und genauso langsam macht sie die Bewegung zurück. Sie schaut trostlos und verloren ins Publikum. Helles Licht. Die Frau mit dem Speichel steht auf. Ihre Augen sind jetzt offen. Sie wirken groß und fixieren einen Punkt. Dann verschwindet sie hinter dem Vorhang. Langsam.

Das Stück Blind Spotting von Margrét Sara Guđjónsdóttir und Angela Schubot ist eine Studie des verletzlichen Körpers, eine poetische Performance, die den erschöpften Körper in Augenschein nimmt. Die Verunsicherungen, die Verzweiflung, die Trostlosigkeit des Alltags werden hier zum Thema der Studie. Die 8 Tänzer (7 Frauen und ein Mann) machen langsame Bewegungen, mal kriechen sie auf dem Boden, mal schreiten auf der Bühne, mal nehmen sie einfach nur eine Pose ein. Die Kostüme sind bewusst alltäglich.

Eine Frau mit rosa Hosen und Bluse taucht auf. Ihre Augen sind geschlossen. Sie bewegt sich langsam in Richtung der Frau mit der Plastikflasche. Sie berührt sie auf dem Schulter mit dem Kopf. Zwei Mal. Und dann geht sie weiter und verschwindet hinter dem roten Vorhang. Die Frau mit der Flasche Wasser lässt die Flasche fallen. Sie verliert das Gleichgewicht und fällt auf die Knie. Die Hände sind hoch gehoben auf Niveau der Schultern. Hinter dem ersten Vorhang taucht eine andere Frau auf. Sie trägt ein weißes Hemd, schwarze Hosen, schwarze Schuhe. Ihre Augen sind geschlossen. Sie hat die Hände in die Taschen. Sie bewegt sich langsam als ob sie ihren Weg gegen den Wind gehen würde. Jetzt ist nur noch diese Frau in schwarzen Hosen zu sehen, wie sie sich mühevoll aber sicher bewegt. Es ist das Bild, mit dem das Stück auch aufhört.

Das Stück ist sehr gut dosiert, die Länge sehr gut überlegt. Und man könnte sagen, das Stück dauert so lange wie es nötig ist. Der Höhepunkt wurde mit einer gravitätischen Musik gut einkalkuliert. Als alle vier Vorhänge geöffnet sind, taucht im Hintergrund eines sehr hellen Bühnenbilds eine nackte Frau auf: knochiges Dekolleté, breite Hüften, kleiner Busen. Eine große Frau, die sich langsam nach vorne bewegt bis sie an der erste Reihe beim Publikum angelangt ist. Sie schaut mit Beharrlichkeit in die Ferne. Sie ist sehr präsent und mächtig in ihre Beharrlichkeit.

Immer wieder sehen wir erschöpfte Körper, die sich in sich selbst zurückziehen. Es gibt kaum Kommunikation zwischen den Protagonisten. Jede geht ihren mühseligen Weg. Jede ist erschöpft. Die beide Choreographinnen suchen in dieser Schwäche des menschlichen Körpers seine Stärke und das gelingt ihnen, indem sie diese Schwäche, ohne irgendwelches Geheimnis, im hellen Licht zur Schau stellen.

Das letzte Bild wirkt sehr stark. Wir sehen wieder die Frau im weißen Hemd,und schwarzer Hose, die einzige, die Schuhe trägt und damit auf die Stadt hinweist. Sie bewegt sich langsam aber sicher durch die stürmischen Wellen der roten Vorhänge. Ihre Augen sind geschlossen, die Musik hat starke Beates. Und als sie sich dem Publikum nährt, fallen die Vorhänge. Rot. Wie am Anfang. Blind Spotting macht aus dem Publikum und aus den Schauspielern einen Spiegel in dem sie sich gegenseitig drei viertel Stunden anschauen.

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juni 16, 2014 von in In Berlin, Kultur & Medien und getaggt mit , , , , , , .
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